AndanteEtüde Op. 1 Nr. 4 · Satz IV · Wie Märkte funktionieren
Wie Aktienmärkte Preise bilden
Was passiert an einer Börse, wenn sich der Kurs einer Aktie bewegt, und wer bestimmt eigentlich den Preis?
Nachrichten über Aktienmärkte klingen oft so, als würde der Markt selbst handeln: Er reagiert, er zweifelt, er feiert. Hinter diesen Bildern steht ein nüchterner Mechanismus. Ein Kurs ist der Preis, zu dem sich zuletzt ein Käufer und ein Verkäufer geeinigt haben. Er entsteht aus vielen einzelnen Aufträgen, nicht aus einer zentralen Festlegung.
Dieser Text erklärt, was eine Aktie ist, wie das Orderbuch einer Börse funktioniert, warum Erwartungen über die Zukunft den Preis von heute bestimmen und was ein Kurs nicht aussagt. Er dient dem Verständnis von Märkten und enthält keine Einschätzung einzelner Wertpapiere.
Merke
- Ein Kurs ist der Preis des letzten Geschäfts zwischen einem Käufer und einem Verkäufer.
- Im Orderbuch treffen Kauf- und Verkaufsaufträge aufeinander; die Differenz heißt Spread.
- Kurse spiegeln Erwartungen wider und können sich ändern, ohne dass sich am Unternehmen etwas ändert.
Was eine Aktie ist
Eine Aktie ist ein Anteil an einer Aktiengesellschaft. Wer sie besitzt, ist Miteigentümer des Unternehmens, in der Regel mit Stimmrecht in der Hauptversammlung und mit Anspruch auf einen Anteil am ausgeschütteten Gewinn, der Dividende. Ob und in welcher Höhe eine Dividende gezahlt wird, entscheidet die Gesellschaft jedes Jahr neu.
Unternehmen geben Aktien aus, um Eigenkapital zu erhalten. Danach werden die Anteile zwischen Anlegerinnen und Anlegern gehandelt, meist über eine Börse. An diesem Handel ist das Unternehmen selbst nicht beteiligt: Wenn eine Aktie den Besitzer wechselt, fließt das Geld vom Käufer zum Verkäufer, nicht zur Gesellschaft.
Das Orderbuch
Jede Börse führt für jedes gehandelte Wertpapier ein Orderbuch. Darin stehen alle offenen Kaufaufträge mit dem Preis, den die Käufer höchstens zahlen wollen, und alle Verkaufsaufträge mit dem Preis, den die Verkäufer mindestens erhalten wollen. Ein Geschäft kommt zustande, sobald ein Kaufpreis und ein Verkaufspreis zusammenpassen.
- Limitauftrag
- Ein Auftrag mit Preisgrenze: kaufen höchstens zu, verkaufen mindestens zu einem bestimmten Preis.
- Marktauftrag
- Ein Auftrag ohne Preisgrenze, der zum nächsten verfügbaren Preis ausgeführt wird.
- Spread
- Der Abstand zwischen dem höchsten Kaufgebot und dem niedrigsten Verkaufsgebot. Bei viel gehandelten Aktien ist er klein, bei wenig gehandelten größer.
Neben dem fortlaufenden Handel gibt es Auktionen, etwa zur Eröffnung und zum Schluss eines Handelstages. Dabei werden Aufträge eine Zeit lang gesammelt und anschließend zu einem einzigen Preis ausgeführt, zu dem die größtmögliche Stückzahl gehandelt werden kann. Auch dieser Preis entsteht ausschließlich aus den vorliegenden Aufträgen.
Warum Erwartungen den Preis bewegen
Warum ist jemand bereit, für einen Unternehmensanteil einen bestimmten Preis zu zahlen? Im Kern geht es um Erwartungen: an künftige Gewinne, an Dividenden, an die Entwicklung der Branche, an Zinsen und an die allgemeine Wirtschaftslage. Weil diese Erwartungen bei jedem Marktteilnehmer etwas anders ausfallen, gibt es überhaupt Käufer und Verkäufer zum selben Zeitpunkt.
Neue Informationen verändern Erwartungen, und veränderte Erwartungen verändern die Preise, zu denen Aufträge erteilt werden. Ein Quartalsbericht, eine Zinsentscheidung der Zentralbank oder eine Nachricht über einen Wettbewerber kann innerhalb von Minuten zu neuen Kursen führen, obwohl sich im Unternehmen selbst an diesem Tag nichts geändert hat.
Daraus folgt eine wichtige Einsicht: Der Kurs beschreibt keinen objektiven Wert, sondern den Preis, auf den sich Käufer und Verkäufer gerade einigen. Er kann sich auch dann bewegen, wenn sich die Zahlen eines Unternehmens kaum ändern.
Wer an der Börse handelt
Am Aktienhandel nehmen sehr unterschiedliche Gruppen teil, mit unterschiedlichen Zielen und Zeithorizonten:
- Privatanlegerinnen und Privatanleger, die über ihre Bank oder einen Wertpapierdienstleister Aufträge erteilen;
- institutionelle Anleger wie Pensionskassen, Versicherungen und Fondsgesellschaften, die große Beträge verwalten;
- Market Maker, die verbindliche Kauf- und Verkaufspreise stellen und so dafür sorgen, dass Handel möglich ist;
- Unternehmen selbst, wenn sie eigene Aktien zurückkaufen oder neue ausgeben.
Ein großer Teil des Handelsvolumens entsteht heute durch computergestützte Systeme, die Aufträge in sehr kurzer Zeit erteilen und anpassen. Für das Grundprinzip ändert das nichts: Auch diese Aufträge landen im Orderbuch und werden nur ausgeführt, wenn sich ein passendes Gegenangebot findet.
Die verschiedenen Gruppen haben keine gemeinsame Absicht. Eine Pensionskasse, die für Jahrzehnte plant, und ein Händler, der Positionen innerhalb eines Tages wieder schließt, können dieselbe Aktie zum selben Preis kaufen und verkaufen, aus völlig unterschiedlichen Gründen. Gerade diese Unterschiede halten den Handel in Gang.
Was ein Kurs nicht sagt
Ein Kurs sagt nicht, ob eine Aktie günstig oder teuer ist, und auch nicht, wie sie sich künftig entwickeln wird. Ein gestiegener Kurs bedeutet nur, dass zuletzt höhere Preise vereinbart wurden. Ein gefallener Kurs bedeutet nicht automatisch, dass es dem Unternehmen schlecht geht.
Auch der Börsenwert, also Kurs mal Anzahl der Aktien, ist eine Momentaufnahme. Er schwankt mit jedem Geschäft und kann sich vom Buchwert des Unternehmens erheblich unterscheiden. Wer Märkte verstehen will, beginnt deshalb mit dem Mechanismus und nicht mit der Frage nach dem richtigen Zeitpunkt.
Hinweis: Dieser Text dient ausschließlich der Bildung und stellt keine Finanzberatung oder Handlungsaufforderung dar. Entscheidungen über Geld, Kredite oder Anlagen treffen Sie selbst und in eigener Verantwortung.