Con cautelaEtüde Op. 1 Nr. 5 · Satz V · Risiko und Streuung
Risiko und Rendite: ein Zusammenhang ohne Abkürzung
Warum gehen höhere erwartete Erträge fast immer mit höherer Unsicherheit einher, und was genau ist mit Risiko gemeint?
Zu den ältesten Grundsätzen der Finanzwelt gehört ein einfacher Satz: Wer mehr Ertrag erwartet, muss mehr Unsicherheit tragen. Der Satz klingt wie eine Warnung, ist aber zunächst eine Beschreibung. Er erklärt, warum ein Tagesgeldkonto niedrig verzinst wird, warum Unternehmensanleihen höhere Zinsen zahlen als Bundesanleihen und warum Aktienkurse stärker schwanken als beides.
Dieser Text klärt, was Risiko und Rendite im Finanzsinn bedeuten, warum sie zusammenhängen, was Schwankungsmaße erfassen und was nicht, und welche Rolle der Zeithorizont spielt. Er gibt keine Empfehlung für eine bestimmte Anlage oder Aufteilung.
Merke
- Rendite ist der Ertrag einer Anlage im Verhältnis zum eingesetzten Geld, Risiko die Unsicherheit über dieses Ergebnis.
- Höhere erwartete Erträge sind eine Entschädigung für höhere Unsicherheit, keine Zusage.
- Schwankungsmaße beschreiben die Vergangenheit und erfassen seltene, große Verluste nur unvollständig.
Zwei Begriffe, sauber getrennt
Im Alltag wird Risiko oft mit Gefahr gleichgesetzt. Im Finanzsinn ist der Begriff weiter gefasst: Risiko bezeichnet die Unsicherheit darüber, wie das Ergebnis einer Anlage ausfallen wird, nach oben wie nach unten. Rendite ist das Ergebnis selbst, ausgedrückt im Verhältnis zum eingesetzten Betrag und meist auf ein Jahr bezogen.
- Rendite
- Ertrag einer Anlage, zum Beispiel aus Zinsen, Dividenden oder Wertveränderung, im Verhältnis zum eingesetzten Geld und nach Kosten.
- Erwartete Rendite
- Ein Durchschnittswert, mit dem man vor einer Anlage rechnet. Das tatsächliche Ergebnis kann davon stark abweichen.
- Risiko
- Die Bandbreite möglicher Ergebnisse, einschließlich der Möglichkeit, Geld zu verlieren.
- Liquidität
- Wie schnell und zu welchen Kosten sich eine Anlage wieder in verfügbares Geld umwandeln lässt.
Die Unterscheidung zwischen erwarteter und tatsächlicher Rendite ist für alles Weitere entscheidend. Eine erwartete Rendite ist eine Rechengröße vor der Anlage, eine tatsächliche Rendite steht erst danach fest. Viele Missverständnisse entstehen, wenn beides verwechselt und eine Erwartung wie eine feste Zusage gelesen wird.
Warum beides zusammenhängt
Der Zusammenhang ergibt sich aus dem Verhalten der Marktteilnehmer. Die meisten Menschen ziehen bei gleichem erwarteten Ertrag die sicherere Anlage vor. Eine unsichere Anlage findet deshalb nur dann Käufer, wenn sie im Durchschnitt mehr verspricht. Dieser Mehrertrag heißt Risikoprämie.
Ein Beispiel aus dem Anleihemarkt zeigt den Mechanismus: Ein Staat mit sehr guter Bonität kann sich zu niedrigeren Zinsen Geld leihen als ein Unternehmen, bei dem die Rückzahlung unsicherer ist. Der höhere Zins des Unternehmens ist kein Geschenk an die Anleger, sondern der Preis dafür, dass sie ein höheres Ausfallrisiko tragen.
Wichtig ist das Wort erwartet. Eine Risikoprämie bedeutet nicht, dass die riskantere Anlage tatsächlich mehr einbringt. Sie bedeutet nur, dass sie im Durchschnitt über viele mögliche Verläufe mehr einbringen müsste, damit jemand bereit ist, sie zu halten. Im Einzelfall kann das Ergebnis deutlich schlechter ausfallen.
Was Schwankung misst und was nicht
Um Risiko vergleichbar zu machen, wird häufig die Schwankungsbreite vergangener Ergebnisse berechnet, in der Fachsprache Volatilität. Eine Anlage mit hoher Volatilität hat in der Vergangenheit stärker nach oben und unten ausgeschlagen als eine mit niedriger.
Schwankungsmaße haben Grenzen. Sie beruhen auf vergangenen Daten, und die Vergangenheit wiederholt sich nicht zuverlässig. Außerdem behandeln sie Ausschläge nach oben und nach unten gleich, obwohl für die meisten Menschen nur die Verluste schmerzen. Seltene, sehr große Verluste, etwa in Finanzkrisen, werden von einfachen Kennzahlen oft unterschätzt.
Zeithorizont und Liquidität
Wie viel Unsicherheit tragbar ist, hängt stark davon ab, wann das Geld gebraucht wird. Ein Betrag für die Reparatur des Autos im nächsten Monat verträgt keine Schwankung, weil ein Verlust nicht mehr ausgeglichen werden kann. Geld, das erst in vielen Jahren gebraucht wird, steht unter anderen Bedingungen; ein Verlust ist dort aber genauso möglich und kann dauerhaft sein.
Deshalb steht in Lehrbüchern zur Haushaltsplanung die Rücklage für Unvorhergesehenes vor jeder Anlageentscheidung. Sie sorgt dafür, dass man nicht gezwungen ist, eine schwankende Anlage in einem ungünstigen Moment zu verkaufen.
Zum Zeithorizont gehört auch die Liquidität. Manche Anlagen lassen sich jederzeit zu geringen Kosten verkaufen, andere nur mit Abschlägen oder nach Kündigungsfristen. Geld, das schnell verfügbar sein muss, gehört deshalb nicht in Anlagen, die man im Ernstfall nur mit Verlust oder Verzögerung zurückbekommt.
Streuung und ihre Grenzen
Eine verbreitete Antwort auf Risiko ist die Streuung: Geld wird auf viele unterschiedliche Anlagen verteilt, damit das Ergebnis nicht von einer einzigen abhängt. Streuung kann die Schwankung eines Gesamtvermögens verringern, weil sich Ausschläge einzelner Anlagen teilweise ausgleichen.
- Streuung verringert das Risiko einzelner Unternehmen oder Branchen.
- Sie beseitigt nicht das Risiko des Marktes insgesamt; in Krisen fallen viele Anlagen gleichzeitig.
- Sie verursacht unter Umständen zusätzliche Kosten, die den Ertrag schmälern.
Der Zusammenhang zwischen Risiko und Rendite lässt sich also nicht ausschalten, nur verstehen und bewusst handhaben. Wer ihn kennt, liest Versprechen hoher Erträge ohne erkennbares Risiko mit der nötigen Skepsis: Ein solches Angebot widerspricht dem Grundmechanismus der Märkte.
Hinweis: Dieser Text dient ausschließlich der Bildung und stellt keine Finanzberatung oder Handlungsaufforderung dar. Entscheidungen über Geld, Kredite oder Anlagen treffen Sie selbst und in eigener Verantwortung.